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Ich nehme Antidepressiva

April 10, 2019

Disclaimer: Dieser Beitrag wurde nicht verfasst um die Einahme von Medikamenten zu fördern. Jeder der ohne Medikamente leben kann, sollte sich glücklich schätzen. Gleichzeitig soll der Artikel ein Verständnis für die Einahme von Antidepressiva schaffen. Alle Ereignisse, Gefühle, alles erlebte ist hierbei komplett subjektiv und baut allein auf meinen persönlichen Erfahrungen auf. Da Antidepressiva ernstzunehmende Nebenwirkungen haben und kein Spaß sind, sollte die Einnahme nur unter ärztlicher Obhut geschehen und in Verbindung mit einer Therapie stattfinden.

Wenn ich eines nicht will, dann ist es Medikamente zu nehmen. Ich verstehe, das manche Menschen sie zum Überleben brauchen, doch wenn es um mich geht bin ich eher skeptisch. Wenn ich krank werde, bin ich nicht die, die sofort nach einer Tablette greift oder sich eine Brausetablette im Wasser auflöst. Im Gegenteil. Oft denke ich mir, dass ich meinen Körper die Krankheit „ausleben“ lasse, denn immerhin hat es ja einen Grund, warum er gerade krank ist und dieser Grund muss raus. Unnötig quäle ich mich natürlich auch nicht, aber ich versuche meinen Medikamentenkonsum doch am Minimum zu halten.

Diese Einstellung hat sicher auch damit zu tun, dass ich Mitte Zwanzig viele Artikel über die negativen Auswirkungen der Pille gelesen habe. Zwar hatte ich, außer das tägliche Ärgernis schon wieder darauf vergessen zu haben, keine schlimmen Nebenwirkungen, aber irgendwie fühlte es sich komisch an, meinen Körper mit zugeführten Hormonen in die Irre zu führen. Da sich neben meinem Medikamentenkonsum auch mein Geschlechtsverkehr auf ein Minimum reduziert hat, sah ich keinen Sinn mehr die Pille zu nehmen und setzte sie nach etwa 4 Jahren ab. Erst da merkte ich, was für Auswirkungen diese kleine Tablette auf meine Stimmung und mein Verhalten hatte.

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Mut zur Veränderung

Nach Medikamenten zu fragen war also etwas ganz komisches und unangenehmes für mich. Wegen meiner schrecklichen Selbstzweifeln hatte ich zudem große Angst, dass die Therapeutin mich als wehleidig und übertrieben sehen würde. Aller „Die hat ja nix, jetzt will sie Tabletten auch noch.“ Das eigentlich genau das Gegenteil eintrat, überraschte mich.

Meine Therapeutin schaute mich an: „Das habe ich mir letzte Woche schon gedacht.“

Ich war also nicht wehleidig und suchte nur Aufmerksamkeit? Da war jemand, der wie ich glaubte, dass mir die Einnahme von Medikamenten helfen würde? Ich war immens erleichtert.

Spannenderweise hatte nur wenige Tage zuvor eine Bekannte über ihre Insta Story von einer Freundin erzählt, die schlechte Erfahrungen mit der Einnahme von Antidepressiva gemacht hatte. Ich kannte auch das übliche, was eben so von diesen Psychopharmaka gesprochen wird, wirklich jemanden kennen der sie nahm, tat ich aber nicht. Trotzdem, irgendetwas in mir sagte, dass das die richtige Entscheidung sei. Nicht für lange. Ich möchte nicht mein Lebenlang Medikamente nehmen müssen, aber wenn es etwas gibt, das mir neben der Therapie noch hilft aus dem dunklen Nebel, aus dieser leichten Depression zu kommen und mein Leben wieder zu genießen, dann würde ich diese Hilfe doch annehmen, oder? Meine Therapeutin gab mir die Nummer einer Psychologin und ich rief diese noch am selben Abend an, bekam rasch einen Termin und stand keine Woche später vor dem Schalter in der Apotheke und überreichte der Mitarbeiterin das Rezept.

Auf und ab

Ich hatte Angst vor der Einnahme. Der Beipackzettel ist lang, die Nebenwirkungen nicht lustig und auch die Statistiken, die einem zeigen wie viele Fälle pro 10, 100, 1000 oder mehr diese Nebenwirkungen haben, nicht 100%ig beruhigend. Aber ich nahm die erste Tablette und merkte fast sofort einen Unterschied. Von einen auf den anderen Tag ging es mir unglaublich viel besser. Es war tatsächlich, als hätte ich die letzten Jahre mit einem schwarzen Schleier über dem Kopf die Welt gesehen. Plötzlich waren da wieder Farben und Leben, die Menschen waren nicht alle so nervig und schrecklich wie ich es bisher empfunden hatte und auch ich fühlte mich leichter und befreiter. Ich glaubte, dass das Unwahrscheinliche eingetroffen war. Ich nehme die Tablette und nichts passiert, plötzlich hat jemand den Schalter umgelegt und alles ist wieder gut. The End.

Falsch gedacht. Nur 4 Tage später das Erwachen. Nicht extrem, aber wenn man wie aus einem Dornröschen Schlaf aus der Dunkelheit zurück in die helle freundliche Welt kommt, trifft es einen gleich doppelt, wenn das Stimmungsbarometer plötzlich wieder nach unten rattert. Glücklicherweise für nur wenige Tage, und doch kamen mir diese Tage schlimmer vor, als die Zeit, die Jahre, vor der ersten Tablette.

Alles anders

Das war im November 2018. Seither hat sich viel getan. Ich nehme immer noch meine Antidepressiva und gehe weiterhin wöchentlich zur Therapie. Seit Jänner arbeite ich an der Gründung meines eigenen Fair Fashion Labels, ich gehe seit Februar wieder auf Leute zu und schaffe es zu Terminen und Treffen zu gehen, ohne kurzfristig abzusagen. Ich keife keine Menschen mehr an, bin innerlich nicht die ganze Zeit aggressiv und negativ. Ich kann sogar die aufkommenden Sonnenstrahlen genießen. Mein Leben hat Farbe und Freude in sich. Ich komme aus meinem Schneckenhaus, meinem Dornröschen Turm den ich mir in meinen 4-Wänden aufgebaut habe, nach und nach mehr raus. Ich räume auf und sortiere aus. Ich lache wieder viel. Ich bin nicht mehr so sensibel, den Opel mit dem Marderpiepser höre ich nicht mehr. Ich bin wieder motiviert an Sachen dran, freue mich über Montage, liebe es zu schaffen und glaube wieder mehr an mich. Ich bin noch nicht fertig mit meiner Reise, vor allem am Thema Selbstbewusstsein und Selbstwert muss ich noch viel arbeiten. Aber als ich vergangenen Juni mit der Therapie anfing, war ich komplett verloren. Ich konnte meine eigene Stimme nicht mehr hören, verstand nicht mehr was ICH wollte. Auch hier bin ich noch nicht 100% wieder bei mir, aber ich habe über die Zeit so viel gelernt und bin auf dem besten Weg wieder komplett selbstbestimmt mein Leben zu führen. Ein großartiges Gefühl.

Normalisieren

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Post überhaupt online stellen soll, denn wir wissen alle das das Internet ein eigener Platz ist und viele Menschen blind glauben, was geschrieben steht. Darum möchte ich hier nocheinmal betonen, das ich hier keinen Aufruf starte, dass ab morgen alle Medikamente nehmen sollen. Ich möchte aber zeigen, das es neben den ganzen negativen Erfahrungen und den Nebenwirkungen auch positive Erfahrungen gibt. Denn vielleicht liest hier jemand diesen Artikel, der ebenfalls in seinem Leben feststeckt und irgendwie nicht weiterkommt und dadurch den Mut bekommt in eine Therapie zu gehen und vielleicht nach Antidepressivan zu fragen. Denn wenn ich damals nicht danach gefragt hätte, wäre ich nicht hier, wo ich gerade bin, hätte sich mein Leben nicht komplett verändert und würde ich jetzt nicht hier sitzen, diesen Artikel schreiben und dieses Erlebte mit euch teilen. Ich bin wirklich dankbar, für die kleinen Tabletten, die ich jeden Tag nehme, denn sie geben mir Lebensqualität zurück. Ich möchte sie nicht mein Leben lang nehmen, aber ich möchte auch nicht darüber schweigen müssen, jetzt wo ich sie nehme. Denn sie sind ein Teil von mir, von meinem Leben und meiner Geschichte. Und wie ich bereits gelernt habe, ein Teil im Leben vieler Menschen. Darum lasst uns offener über das Thema sprechen. Seien wir froh, das es für Menschen wie mich die Möglichkeit gibt sich Hilfe zu holen. Natürlich hätte ich es gerne ohne geschafft, aber warum soll ich mich weiter quälen, während ich jetzt die Möglichkeit habe an mir und meinen Problemen zu arbeiten und gleichzeitig glücklicher zu sein. Wenn ich sie eines Tages absetze bzw. ausschweifen lasse, kann ich dankbar sein, dass sie mir eine Brücke zurück ins Leben waren. Denn ohne sie wüsste ich nicht, wo ich heute noch wäre.

By Claudia

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